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Wenn es DEN Supermarkt Deiner Kindheit nicht mehr gibt.

Wer meine Texte regelmäßig verfolgt, der weiß, dass ich in der ehemaligen DDR aufgewachsen bin und dass die Wende für mich ein einschneidendes Erlebnis war. In diesem Zusammenhang möchte ich heute über etwas schreiben, das mir kürzlich „passiert“ ist und das in gewisser Hinsicht auch etwas mit dem Thema Retrokram zu tun hat.

Erinnern wir uns: am 09.11.1989 wurden die Grenzen geöffnet. Zwei Tage später durfte ich mit meinen Eltern das erste Mal in den nahegelegenen „Westen“ fahren. Unser Weg führte uns in die kleine niedersächsische Stadt Duderstadt und dort als allererstes zu einer Bank, wo wir unser Begrüßungsgeld in Empfang nehmen durften. Um dieses gleich in den Wirtschaftskreislauf einzubringen, begaben sich meine Eltern als nächstes in diverse Supermärkte.

Dort wurde ich zunächst von den sich mir bietenden Eindrücken überwältigt. Eine Location, die sich mir aufgrund der Vielfalt der angebotenen Waren besonders einprägte, war der Blau-Gelb-Markt. Er war in einem Industriegebiet gelegen und es befanden sich noch mehrere andere Läden in seiner unmittelbaren Umgebung. Dort gab es neben den obligatorischen Lebensmitteln alles mögliche und denkbare an Waren. Was aus heutiger Sicht völlig normal erscheint, war damals für mich schier unvorstellbar.

Vor allem das Angebot an Spielwaren, Büchern und Comics interessierte den zehnjährigen Steffen natürlich. Und so stammen die ersten Dinge, die ich im Westen abstauben durfte, aus diesem Markt. Unter anderem mein Sonderheft zum damals neu erschienenen Batman-Film sowie das LCD-Spiel „Fußball-Match“.

Über beide Gegenstände habe ich bereits an anderer Stelle berichtet, weil sie nach wie vor eine große Bedeutung für mich haben. Lange bevor endlich das Sega Master System bei uns Einzug hielt, brachte das LCD-Spiel etwa wenigstens einen Hauch von elektronischem Entertainment in mein Leben.

Und so war dieser Supermarkt für mich von Anfang etwas besonderes. Ich freute mich jedes Mal, wenn uns unser Weg hier her verschlug. Und das war oft genug der Fall, denn zu den direkt daneben gelegenen Märkten gehörte damals auch der allseits beliebte Aldi.

An ein weiteres Geschäft kann ich mich ebenfalls erinnern. Wenn man vor dem Eingang des Blau-Gelb stand, ging auf der rechten Seite eine Treppe steil nach oben. Dort konnte man einen kleinen Raum betreten, in dem es allerlei billiges Zeug gab, den heutigen Thomas-Philips-Filialen nicht unähnlich. Der Laden nannte sich Wüstefeld, und meinen ersten Spielzeug-Dino bekam ich hier.

Kurze Zeit später wurde der Supermarkt umbenannt. Aus Blau-Gelb wurde Dixi. Ansonsten änderte sich jedoch nicht allzu viel. Nach wie vor kam ich jedes Mal gern wieder her. Und das änderte sich auch nicht, als ich dann selbst den Führerschein hatte. Die Fahrt hierher war für mich immer etwas wie eine kleine Zeitreise. Die Geschäfte drum herum änderten sich zwar, aber der Dixi blieb immer gleich. Als ich dem Spielzeugalter entwachsen war und mich eher der Musik zugewandt hatte, fand ich auch dann hier alles was ich brauchte. Meine erste Club-Rotation-CD – ich habe sie hier gekauft.

Auch mein Wegzug nach Süddeutschland änderte nichts an meinem Ritual. Sobald ich wieder bei meinen Eltern war, besuchte ich den Dixi, der irgendwann erneut umbenannt worden war und nun Marktkauf hieß. Die Treppe zu Wüstefeld gab es schon lange nicht mehr. Aber der Markt und sein Parkplatz waren noch der gleiche.

Im November 2017 war es dann wieder einmal so weit. Auf den Spuren der Vergangenheit begab ich mich 28 Jahre nach meinem ersten Besuch zusammen mit meiner Frau wieder nach Duderstadt um alle Stationen von damals „abzuklappern“. Der Marktkauf war noch da, er schien bereits auf meinen Besuch zu warten. Und ganz wie früher kaufte ich mir einen Comic, in diesem Fall die Weihnachtsausgabe des Lustigen Taschenbuchs, die ich mir jedes Jahr gönne.

Ein gutes Jahr später, genau genommen Ende Dezember 2018, waren wir wieder in der alten Heimat zu Besuch. Und standesgemäß wollte ich „meinem“ Supermarkt einen Besuch abstatten. Doch irgendwie wurde ich nicht fündig. Wir kurvten mehrmals im Industriegebiet herum, aber einen Marktkauf sahen wir nicht. Irgendwie sah es alles anders aus. Ich begann an mir selbst und meinem Orientierungssinn zu zweifeln. Hatte ich die falsche Einfahrt genommen? Etwas ratlos und verwirrt fuhren wir wieder heim.

Eine Recherche im Intenet brachte dann die traurige Wahrheit ans Licht. „Marktkauf Duderstadt schließt nach 29 Jahren und wird abgerisssen!“ Unser Besuch ein Jahr zuvor war genau 14 Tage vor der endgültigen Schließung gewesen! Ohne es zu ahnen, hatten wir „meinem“ Supermarkt einen letzten Besuch abgestattet, ihm ein letztes Mal die Ehre erwiesen.

Das Lustige Taschenbuch, welches ich damals erworben hatte, werde ich deshalb nun umso mehr in Ehren halten!

Über Steffen Anton

Schreibt für die awesome Return und ist wohl das einzige Barney Stinson Double in Deutschland. Befüllt nun langsam seinen Retrochannel Nerdstuff & Nostalgia und hat ein sexy Monkey Island Tattoo.

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Für einen Golfball um die halbe Welt. Steffen begibt sich zu den Drehorten von Caddyshack, Police Academy 5 und Zwei bärenstarke Typen nach Florida.

Ein Kommentar

  1. Eine ganz ähnliche Erfahrung habe ich mit dem Abriss des Toys`R`us Laden neben dem IKEA Markt in Wallau gehabt. Ich habe so schöne Erinnerungen an die Besuche mit meinen Eltern. Als erstes mussten mein Bruder und ich die Einkäufe im IKEA über uns ergehen lassen – zum Glücken hatten die dort aber auch ein Kinderkino in dem die Eltern ihren Nachwuchs abgeben konnten. Im Anschluss an die Einkäufe stand natürlich ein Besuch im Toys `R`us an – da waren wir natürlich nicht mehr zu halten. Vor nicht allzu langer Zeit wurde es aber leider auch abgerissen 🙁

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