Als die Dinosaurier die Videospiele beherrschten

Was haben klassische Videospielsysteme mit Dinosauriern gemeinsam? Beide sind bereits vor vielen Jahren ausgestorben. Doch halt: Während die „schrecklichen Echsen“, so die Übersetzung des aus dem Altgriechischen stammenden Wortes, tatsächlich nicht mehr existieren und wohl auch nie wieder über unseren Planeten wandeln werden, haben die elektronischen Schätze unserer Kindheit und Jugend in den letzten Jahren eine beachtliche Renaissance erlebt. Und es gibt noch eine weitere Gemeinsamkeit. Urzeitliche Themen und Dinosaurier übten seit jeher eine besondere Faszination auf uns aus, was sich nicht nur im aktuellen Kinofilm „Jurassic World Dominion“ sondern auch in diversen Versoftungen auf eben jenen Systemen widerspiegelt. Dies ist Grund genug, einige dieser Spiele einmal näher zu beleuchten. Ich lade Euch daher nun ein auf eine Reise in ein „Land vor unserer Zeit“!

Chuck Rock

(1991, Amiga, Atari ST, C64, Amige CD32, Mega Drive, Master System, Game Gear, Mega CD, Super NES, Game Boy)

Der titelgebende Held ist Gitarrist und Sänger einer steinzeitlichen Rockband. Als eines Tages seine Angebetete entführt wird, macht Chuck sich zu einer aberwitzigen Rettungsmission auf. Das Jump ’n Run von Core Design wurde 1991 für Amiga und Atari ST entwickelt. Später folgten Umsetzungen unter anderem für die gängigen Konsolen aus dem Hause Sega und Nintendo. Die Welt, durch die sich Chuck bewegt, ist bevölkert von allerlei Urtieren inklusive einiger Dinosaurier. Das passt zwar zeitlich nicht ganz zusammen, wurde so aber in der Popkultur bereits häufiger umgesetzt, man denke nur an die Flintstones, die in unserem Bericht ebenfalls noch Erwähnung finden. Chuck Rock glänzt mit einer ungewöhnlichen Spielmechanik sowie einigen Puzzle-Einlagen. Gegner werden kurzerhand mit der beeindruckenden Wampe des Helden hinweggefegt und die im Titel erwähnten „Rocks“, also Felsen können verwendet werden, um schwer erreichbare Plattformen zu erklimmen. Zusammen mit einem fetzigen Soundtrack ergibt das einen erfrischenden Mix, welcher seinerzeit Presse und Spieler begeisterte. Daher wurde 1993 ein Sequel veröffentlicht und 1995 kam mit BC Racers noch ein Spinoff in Form eines Rennspiels in die Läden.

Flintstones

(1988, Amiga, Amstrad CPC, Atari ST, C64, MSX, ZX Spectrum, Master System)

Die Familie Feuerstein, wie sie in der eingedeutschten Version heißt, begeistert mit ihren Cartoons aus dem Hause Hanna-Barbera schon seit den 1960er Jahren die Fernsehzuschauer. Eigentlich in einer fiktiven, ebenso von Dinosauriern wie von Menschen bevölkerten Steinzeit angesiedelt, sind die Probleme von Familienoberhaupt Fred Feuerstein jedoch ganz moderner Art. Die Ehefrau will beglückt werden, die Kinder sind ungezogen und der Boss nervt. Insofern ist er gar nicht so weit entfernt von seinem Kollegen Al Bundy. Zu der äußerst erfolgreichen TV-Serie sind im Laufe der Zeit mehrere Videospiele erschienen. Den Anfang machte 1988 die Version für Amiga und C64, welche nachfolgend auch für andere Systeme umgesetzt wurde. Wer hier ein klassisches Hüpfgame erwartet hatte, ist auf dem falschen Dampfer. Vielmehr hat Fred Feuerstein diverse Aufgaben zu erfüllen wie etwa den Neuanstrich des Wohnzimmers. Später geht es mit Kumpel Barney Geröllheimer auf die Bowlingbahn. Dieses unausgegorene Gameplay wurde in der Presse dann auch mit allenfalls mittelmäßigen Bewertungen gestraft. Besser machte es da die 1993er Version für Segas Mega Drive. Hierbei handelt es sich um ein waschechtes Jump ’n Run in der Tradition von Sonic und Konsorten, bei dem sich Fred mit einer Keule bewaffnet den Weg durch die Levels kämpft.

The Land before Time: Big Water Adventure

(2002, PlayStation)

Der gleichnamige Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1988, in dem es um die abenteuerliche Reise von fünf jungen Dinosauriern zu einem sagenumwobenen „Großen Tal“ geht, hat nicht nur unzählige (qualitativ leider eher mittelmäßige) Fortsetzungen nach sich gezogen. Der von Steven Spielberg produzierte Streifen war auch so etwas wie ein Vorbote dessen, was ab Anfang der 1990er Jahre die Welt gleich einer Dampfwalze überrollen sollte: dem Dinosaurierfieber. Insofern ist es etwas erstaunlich, dass die Computerspielebranche das Franchise erst recht spät für sich entdeckte. Zielgruppengerecht waren dies anfänglich diverse Lernspiele, welche hauptsächlich für Windows veröffentlicht wurden. Wir wollen an dieser Stelle jedoch den Titel The Land before Time: Big Water Adventure hervorheben, welcher auf dem neunten Teil der Filmserie basiert und 2002, also relativ spät innerhalb der Lebensspanne der PlayStation für Sonys Erfolgskonsole herauskam. Entwickelt von Digital Illusions, handelt es sich um einen Plattformer, der den Spieler vier verschiedene Charaktere aus dem Film steuern lässt. Ordentliche, kindgerechte Grafik und diverse eingebaute Minispiele machen das Ganze zu einer runden Sache, zumindest für ein jüngeres Publikum.

Lost Eden

(1995, MS-DOS, Macintosh, 3DO, CD-i)

Die französische Softwareschmiede Cryo war seit jeher bekannt für den extravaganten Look und das oft ungewöhnliche Gameplay ihrer Produkte. Bestes Beispiel hierfür ist das 1992 erschienene Dune. Drei Jahre später wurde mit Lost Eden ein Adventure für MS-DOS vorgelegt, welches sich nahtlos in die bisherigen Arbeiten der Franzosen einreihte. Die Handlung ist in einer Welt angesiedelt, in welcher Dinosaurier und Menschen zusammen existieren. Der Spieler schlüpft dabei in die Rolle des Prinzen Adam, welcher das uralte Geheimnis des Zitadellenbaus erlernen muss. Nur in diesen Festungen nämlich sind die Bewohner des Landes vor den Angriffen der Armee der Tyrannosaurier geschützt. Die Handlung wird, ähnlich wie bei Dune, mithilfe von Standbildern und animierten gerenderten Sequenzen erzählt. Wer sich einmal an diese Art der Präsentation gewöhnt hat, welche stellenweise auch ein wenig an Myst erinnert, und sich zudem auf das Setting mit sprechenden Dinos einlassen kann, wird wirklich prächtig unterhalten und in eine faszinierende fremdartige Welt entführt. Die Musik stammt übrigens erneut von Stephane Picq und ist es wert, auch abseits des Spiels angehört zu werden. Neben der DOS-Version waren auch Fassungen für Macintosh, 3-DO und CD-i erhältlich.

Jurassic Park

(1993, Mega Drive, Master System, Game Gear, Super NES, NES, Game Boy, Mega CD, MS-DOS, Amiga)

Steven Spielbergs Dinoabenteuer veränderte das Kino ab 1993 für immer und war der Beginn eines beispiellosen Siegeszugs von Urzeitechsen und computergenerierten Special Effects. Und so verwundert es auch nicht, dass quasi jedes damals relevante System mit einer eigenen Version bedacht wurde. Besitzer von Segas Konsolen bekamen einen seitwärts scrollenden Plattformer, in denen man als Dr. Grant, auf dem Mega Drive jedoch auch als Velociraptor, sein Glück versuchen darf. Als besonders sehenswert hervorzuheben ist hier das Intro der 8-Bit-Versionen. Bei Nintendo ist der Spieler in der Vogelperspektive unterwegs. Auf dem Super NES kommen noch einige Abschnitte in beeindruckendem 3D hinzu. Die stimmungsvollste Präsentation gibt es auf dem Mega CD, bekommt man hier doch ein waschechtes Grafikadventure geboten.

Jurassic Park: Rampage Edition

(1994, Mega Drive)

Dieser Nachzügler, der nicht auf dem Film basiert, ist eine merkwürdige Angelegenheit. Er erschien 1994, also ein Jahr nach der großen Welle der Filmumsetzungen ausschließlich für Sega Mega Drive. Seine Entstehung verdankt er wohl dem großen Erfolg des Kinofilms. Die Spielengine unterscheidet sich im Hinblick auf den Vorgänger dahingehend, dass die Figuren nun mit einem hässlichen schwarzen Rand umgeben sind. Spielerisch wird einem viel Altbekanntes geboten, so ist man erneut als Alan Grant oder Velociraptor unterwegs und hat im Laufe der Zeit verschiedene Fortbewegungsmittel inklusive Schlauchboot zur Verfügung. In der Fachwelt erntete das Spiel eher mittelmäßige Kritiken, aber die Dinofans waren glücklich über neues Futter, um die Wartezeit bis zu Spielbergs zweitem Geniestreich zu überbrücken.

Jurassic Park 2: The Chaos Continues

(1994, Super NES, Game Boy)

Auch diese Produktion von Ocean Software hat nichts mit dem offiziellen Filmkanon zu tun. Das merkt man schon bei dem an einen Anime erinnernden Intro. Die erzählte Story ist dabei sehr dünn, irgendwie ist man jedoch als Angehöriger einer Militäreinheit auf der Saurierinsel unterwegs. Das reicht ja auch schon für ein krachendes Run-and-gun-Gameplay. Ansonsten hat das Spiel sehr gute Grafik und Sound, einen Zweispielermodus und massenhaft Dinosaurier zu bieten. Was will man mehr? Ach ja, der Game Boy bekam ebenfalls eine Version spendiert.

The Lost World: Jurassic Park

(1997, Mega Drive, Game Gear, Game Boy, PlayStation, Saturn)

Nun komme ich endlich wieder zum offiziellen Bereich der Filmumsetzungen. Selbstverständlich rief auch die filmische Fortsetzung diverse Videospiele auf den Plan. Und ebenfalls klar ist: die Anzahl der Versionen für 8 Bit wird geringer. Es ist überhaupt erstaunlich, dass die Handhelds von Sega und Nintendo noch mit eigenen Ausgaben bedacht wurden. Bei der Game-Gear-Variante handelt es sich sogar um eines der allerletzten erschienenen Spiele, daher ist es entsprechend selten käuflich zu erwerben, und dann zu horrenden Preisen. Die Inkarnation für Mega Drive ist ebenfalls eine Rarität, da es sich hier gleichermaßen um das letzte je erschienene Spiel handelt. Falls man eines der wenigen Exemplare in die Finger bekommen sollte, wird man mit einem Erlebnis belohnt, das einen fast schon an 32 Bit denken lässt. In der Vogelperspektive ist der Spieler unterwegs in einer wunderschönen hochauflösenden Welt deren Grafik etwas an den Renderzauber von Donkey Kong Country erinnert. Die Programmierer haben hier wahrhaft das letzte aus Segas betagter Konsole herausgeholt. Für ihre Verhältnisse weniger spektakulär kommen die Ausgaben für PlayStation und Saturn daher, hierbei handelt es sich erneut um recht schlichte Plattformspiele, bei denen man im Hinblick auf die Steuerung wieder die Wahl zwischen Dino und Mensch hat.

Jurassic Park III

(2001, Windows, Game Boy Advance)

Für den dritten Teil der Kinoreihe erschienen gleich mehrere Spiele. Wirklich erwähnenswert sind hierbei jedoch nur Jurassic Park III: Dino Defender für Windows und Jurassic Park III: Dino Attack für den Game Boy Advance. Bei ersterem schlüpft man in die Haut eines Technikers in einer Art Superanzug und ist unterwegs, um die defekten Zäune auf der Insel zu reparieren. Dies ist natürlich insofern Humbug, als dass der zugrundeliegende Film ja auf der Isla Sorna spielt, auf der es keine Gehege mit Zäunen gibt. Spieltechnisch geht es eher altbacken und unspektakulär zu. Besser macht es da schon die Variante für Nintendos Handheld. Zumindest optisch und akustisch wird hier einiges geboten. Man ist überwiegend in einer isometrischen Perspektive als Dr. Grant unterwegs und muss sich seinen Weg durch die Insel kämpfen.

Trespasser

(1998, Windows)

Ein Ego-Shooter in der Welt von Jurassic Park in schicker 3D-Grafik und einer offenen Welt? Das klang Ende der 1990er Jahre wie Musik in den Ohren der Spieler. Dementsprechend groß war der Hype bei der Ankündigung von Trespasser. Auch der Name DreamWorks Interactive als entwickelndes Studio und die Beteiligung von Richard Attenborough als Sprecher waren durchaus verheißungsvoll. Doch dann kam alles anders. Unter Zeitdruck des Publishers Electronic Arts viel zu früh veröffentlicht, ohne die Möglichkeit, die damals angesagten 3D-Grafikkarten zu nutzen, scheiterte das Spiel krachend. Die User waren enttäuscht über die zahlreichen Bugs und die vergleichsweise miese Darstellung und straften dies mit mageren Verkaufszahlen ab. Dabei war das Projekt durchaus ambitioniert und bot damals schon vieles, was heute zum Standard gehört. So war das Thema Open World seinerzeit keineswegs so präsent wie heute und auch die Physik der Engine war wegweisend.

Warpath: Jurassic Park

(1999, PlayStation)

Auf den Kriegspfad im Dino-Style konnte man sich im Jahr 1999 auf Sonys PlayStation begeben. Es handelt sich bei Warpath: Jurassic Park zur Abwechslung um ein reines Fighting Game. Der Spieler schlüpft in die Rolle von acht verschiedenen Dinosauriern wie zum Beispiel T-Rex oder Ankylosaurus. Weitere sechs Arten können im Spielverlauf freigeschaltet werden. Die Kampftechniken sind überwiegend als „realistisch“ zu bezeichnen, Feuerbälle oder Roundhouse Kicks sucht man also vergeblich. Das ist zwar zum einen gut, andererseits sorgt dies auch für eine gewisse Langeweile. Im Kampf verlorengegangene Energie kann durch sporadisch auftauchende essbare Objekte wie Ziegen (!) oder Menschen (!!) aufgefüllt werden. Als Schauplätze der Kämpfe dienen diverse aus den Filmen bekannte Locations. Grafisch wird einiges geboten, lediglich das Größenverhältnis des Saurier zueinander passt nicht immer. Das an sich interessante Spielkonzept nutzt sich jedoch schnell ab und die Intelligenz der Computergegner lässt zu wünschen übrig. Zum Glück gibt es jedoch noch den Zweispielermodus, welcher einigermaßen Freude bereitet. Zudem kann man bei Warpath: Jurassic Park sogar noch etwas lernen, denn es ist ein Museumsmodus enthalten, in dem viele Fakten zu den ausgestorbenen Riesen vermittelt werden.

 

Über Steffen Anton

Schreibt für die awesome Return und ist wohl das einzige Barney Stinson Double in Deutschland. Befüllt nun langsam seinen Retrochannel Nerdstuff & Nostalgia und hat ein sexy Monkey Island Tattoo.

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Die wohl beliebteste Videospielverfilmung aller Zeiten bekommt 20 Extraminuten spendiert. Man fand ein Rough Cut von "Super Mario Bros.", welche natürlich länger als die Kinoversion ist.

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