Die Disco meiner Jugend (und was dort sonst noch so passierte!)

In meinem Heimatort Bernterode steht gegenüber des Bahnhofs ein Haus, das heute nicht mehr als eine Ruine zu sein scheint. Die Fenster sind mit Brettern vernagelt und ein Bauzaun umgibt das komplette Areal. Die dicken Backsteinwände zeugen jedoch davon, dass es zu früheren Zeiten anscheinend einmal eine gewichtige Rolle gespielt haben muss. Und tatsächlich: aus der Tradition des Ortes ist das Gebäude nicht wegzudenken. Es hat eine bewegte Geschichte hinter sich und seine Räume wurden schon auf Arten genutzt, welche unterschiedlicher kaum sein könnten. Aber auch in meiner eigenen Vergangenheit tauchte die Location immer wieder auf und daher möchte ich Euch an dieser Stelle etwas darüber erzählen.

Ursprünglich wurde das Bauwerk als Gaststätte mit dem klangvollen Namen „Eichsfelder Pforte“ konzipiert. Die Lage war dabei geradezu ideal, denn der 1911 eingerichtete Bahnhof versprach einiges an Laufkundschaft. Diese Art der Nutzung blieb auch für eine sehr lange Zeit bestehen.

„Damals und heute“

Interessant für mich persönlich wurde es jedoch natürlich erst ab den 1980er Jahren. Aufgrund des großzügigen angebauten Saals, welcher Platz für bis zu 300 Menschen bot, wurden zur damaligen Zeit nämlich sämtliche Veranstaltungen des Dorfes dort abgehalten, unter anderem auch der Kinderfasching. Auch wenn ich diese Zeit nicht mehr detailliert in Erinnerung habe, so ist mir jedoch ein Jahr im Kopf geblieben, als ich dort in Cowboymontur den Ententanz zelebriert habe.

Eine weitere und zumindest für mich noch weitaus bedeutsamere Nutzungsart in den Zeiten vor der Öffnung der Grenzen war die als Kino. Filmtheater gab es zu DDR-Zeiten zwar hauptsächlich in den größeren Städten, aber dank des volkseigenen Betriebs „VEB Lichtspielbetrieb Worbis“ kamen regelmäßig einmal im Monat Filmvorführer auf die Dörfer und präsentieren ausgewählte Streifen. Ausgewählt deshalb, weil es natürlich eine systemseitige Vorselektion gab und nur Werke präsentiert werden durften, deren Botschaft auch zu den Idealen des Sozialismus passte. Wie dem auch sei, das war mir damals weder bewusst noch wichtig, ich wusste nur: ab und zu war Kino „auf dem Saal“ angesagt. Zusammen mit meiner einige Jahre älteren Schwester bin ich daher an so manchem Nachmittag in den Genuss der „Olsenbande“ oder anderer Filme gekommen. Was ich im Nachhinein sehr bedaure, ist die Tatsache, dass ich noch zu jung war, als die Prügelkomödien mit Bud Spencer und Terence Hill dort liefen. Meine Schwester kann sich auf jeden Fall erinnern, Anfang der 1980er Jahre mehrere Filme des Duos vor Ort gesehen zu haben.

Der Saal“ stellte meine allererste Berührung mit dem Phänomen „Kino“ dar, auch wenn es sich nur um ein Dorfkino handelte. Erst im Jahr 1990 sollte ich dann meinen ersten „richtigen“ Kinobesuch mit dem Film „Werner beinhart“ erleben.

Als 1989 das System der DDR zusammenbrach, war es auch mit dem Kino vorbei. Die Gaststätte wurde von Privatleuten übernommen, und das nächste für mich erinnerungswürdige Ereignis war die Feier des vierzigsten Geburtstags meiner Mutter im Jahr 1990.

Doch richtig spannend wurde es für mich erst, als ich ins Teenageralter kam. Wie Ihr sicher wisst, war ich zu dieser Zeit eher als Computer spielender Stubenhocker unterwegs und daher auch wenig daran interessiert, mich abends draußen mit Gleichaltrigen zu treffen. Mädchen standen ebenfalls noch kaum in meinem Fokus. Als jedoch die Nachricht von der Eröffnung einer Diskothek „auf dem Saal“ die Runde machte, konnte auch ich mich diesem Hype nicht verschließen. Mit 14 Jahren das erste Mal in eine Disco zu gehen war schon etwas besonders. Und das auch noch in unserem eigenen Dorf!

„Vor einigen Jahren konnte man noch in das leer stehende Gebäude reinschauen. An der Wand: ein Bild das den damaligen Kneipenwirt zeigt.“

Und so saß ich an einigen Freitagen des Jahres 1993 Cola schlürfend mit meinen Kumpels an einem Tisch in der Nähe der Tanzfläche und schaute „den Weibern“ zu, die sich in unseren Augen lächerlich machten mit ihrem Gehopse. Die eine oder andere Schwärmerei wollte man damals noch nicht zugeben. Spätestens um 10 Uhr war dann altersbedingt Schluss für uns.

Für den Nerd in mir war übrigens ebenfalls etwas geboten. Denn links neben der Tür zum Klo war  mit Activisions „Express Raider“ ein waschechter Arcace-Automat aufgestellt, in welchen ich damals mehr als nur eine Mark versenkt habe. Oftmals verbrachte ich sogar den Großteil des Abends an diesem Gerät. Dass ich damit als noch uncooler galt – geschenkt!

Ein Getränk prägte für mich ebenfalls das Flair der damaligen Zeit: Batida de Coco. Zusammen mit Kirschsaft ergab das nämlich eine gleichermaßen leckere wie beschwipsende Mischung, an die ich mich gern erinnere. Seit einigen Jahren ist der Drink ja wieder in Mode, dem „Bachelor“ sei Dank.

Getanzt haben wir zwar seinerzeit nicht, dennoch gehören für mich viele der vor Ort gespielten Lieder zum Soundtrack meiner Jugend dazu. Eine kurze Playlist möchte ich deshalb hier aufführen. Jedes einzelne der Lieder wirkt für mich auch heute noch bei jedem Anhören wie eine kleine Zeitreise.

  • DJ Bobo – „Somebody dance with me“
  • DJ Jazzy Jeff & the fresh Prince –  „Boom! Shake the Room“
  • Pet Shop Boys – „Go West“
  • Urban Cookie Collective – „The Key, the Secret“
  • Capella – „U got 2 let the Music“
  • Freddie Mercury – „Living on my own“
  • Die Ärzte –  „Schrei nach Liebe“

Irgendwann war jedoch auch diese Phase vorbei und die Disco schloss ihre Pforten. Einige Zeit stand das Gebäude leer, und dann begann ein Gerücht, sich im Dorf auszubreiten: Jemand hätte dort ein Bordell eingerichtet. Und das in unserem friedlichen kleinen Örtchen! Es kam zu abenteuerlichen Geschichten von verheirateten Familienvätern, die mit dem Auto in den Nachbarort fuhren, um von dort aus mit dem Zug wieder nach Bernterode zu fahren und dort „in den Puff zu gehen“. Ob das stimmt, kann nicht beurteilen. Was jedoch stimmte, waren die Gerüchte: Eines Nachts kam es zu einem Polizeieinsatz, und mehrere aus Osteuropa stammende Mädchen wurden aufgegriffen. Das Ganze war ein regelrechter Skandal im Dorf. Und für uns Jugendliche war es auch irgendwie seltsam, schließlich hatte uns unser morgendlicher (Schul-)Weg zum Bahnhof jahrelang an diesem Etablissement vorbei geführt!

Nach dieser Episode wurde die Nutzung des Gebäudes endgültig eingestellt und es verfiel zunehmend. Aber immer wieder einmal, wenn ich in meiner alten Heimat bin, führt mich mein Weg zu diesem Haus, und ich gedenke der schönen Stunden, die ich dort verbracht habe. Und manchmal frage ich mich, wohin des den alten Arcade-Automaten verschlagen hat.

Über Steffen Anton

Schreibt für die awesome Return und ist wohl das einzige Barney Stinson Double in Deutschland. Befüllt nun langsam seinen Retrochannel Nerdstuff & Nostalgia und hat ein sexy Monkey Island Tattoo.

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4 Kommentare

  1. Hallo Steffen,

    schöne Geschichte (wie immer!). Ich lese ja gerne aus deiner Kindheit in der „Ostzone“…

    Hier im Stadtteil gab es in meiner Kindheit und Jugend (auch schon vorher) ein altes Kino,
    in dem wurden Mitte/Ende der 70’er Jahre am Sonntag Vormittag für schlappe DM 2,- für
    die jüngeren Kinogänger die oftmals kostengünstigeren Produktionen gezeigt bzw die Filne,
    welche altersgerecht schon ein paar Jahre vorher liefen.

    Mein erster Kinofilm im Abendprogramm war Supermann 1978 im Alter von zehn Jahren.
    Der längste Film ein Paar Jahre später war Ben Hur mit über dreieinhalb Stunden Dauer.
    In der Fassung von 1959 mit Kirk Douglas in der Hauptrolle damals für mich sehr imposant.

    Ansonsten kann ich mich in den folgenden Jahren nur lückenhaft erinnern.
    Aber Godzilla, King Kong und der weiße ‚Hai gehörten vor 1980 definitiv dazu.

    Meinen ersten Besuch in einer Disco hatte ich erst mit fünfzehn Jahren.
    Allerdings bereits zehn Jahre vor dir 😉

    Du kannst das Gebäude ja mal etwas bekannter machen:
    Denke dir doch mal was schönes für ein Geocaching Versteck aus.

    Oder mache den Ort zu einem Lost Place… und gehe Nachts mit deinen
    damaligen Kumpels mal nachschauen ob der Arcade-Automat noch da ist 😀

    Viele Grüße
    Ingmar

    • Hallo Ingmar,

      es freut mich ungemein, dass ich zumindest einen regelmäßigen Leser zu haben scheine. 🙂

      Das Gebäude wurde wohl mittlerweile verkauft und soll zukünftig wieder für irgend etwas genutzt werden, es bleibt also spannend.

      Gruß

      Steffen

  2. Hallo Steffen,
    Dein Bericht über das Haus ist hoch interessant!
    Ich musste iim Dezember 1993 einen Lehrgang als Zivildienstleistender machen.
    Das war in diesem Haus.
    Und für mich, da ich aus Rosnheim in Bayern komme – doch eine ziemliche Fahrerrei.
    Ich hatte eine Tante damals in der Nähe von Erfurt und bin immer gependelt mit meinem 40 PS VW Derby 🙂
    Vor zwei Wochen war ich mit dem Motorrad mal wieder vor Ort in Bernterode und hab das traurig aussehende verlassene Haus gesehen…. Schade drum.
    Gruß;
    Martin aus Rosenheim

  3. Hallo zusammen,

    toll geschrieben! Man munkelt, der neue Eigentümer hat das Gebäude und Grundstück weitestgehend vom Müll und Gerümpel und Hinterlassenschaften einiger Dorfbewohner befreit. Insgesamt wurden schon 400t Schutt, Gips, alt Holz, Schrott usw., welche aus den Bausünden der vorherigen Nutzung(-en) resultieren, ausgebaut und entsorgt. Seit kurzem sind auch schon einige nicht mehr zu rettende Gebäudeteile gänzlich zurück gebaut. Die konkrete, nachhaltige Sanierung wird wohl gerade von einem Architekturbüro geplant.

    Langsam aber stetig, passiert einiges. Bleibt spannend was mit der Pforte noch so alles passiert.

    Beste Grüße
    Christian

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