Clock Tower: Von einer Filmumsetzung, die keine ist

Ein junges Mädchen mit langem dunklem Haar befindet sich auf einer panischen Flucht. Verfolgt wird sie von einer missgestalteten kleinen Kreatur, die eine rasiermesserscharfe Klinge schwingt. Filmkenner werden diese Szene eindeutig zuordnen können – Dario Argentos „Phenomena“ aus dem Jahr 1985 mit Jennifer Connelly in der Hauptrolle enthält genau solch eine Sequenz. Und im Jahr 1995, also genau zehn Jahre nach dem Erscheinen von Argentos Giallo-Klassiker, wurden Besitzer von Nintendos Super NES mit einem Grafikadventure bedacht, welches zwar keine offizielle Umsetzung des Films darstellt, jedoch im Bezug auf Atmosphäre und Handlung nicht wenige Anleihen bei „Phenomena“ nimmt: „Clock Tower“!

Manche Computerspiele gelten aufgrund ihres neuen Konzepts und ihrer Machart als Wegbereiter eines ganzen Genres. Im Bereich Survival Horror ist hier sicherlich das 1996 erschienene „Resident Evil“ zu nennen. Die Idee, den Spieler in eine bedrohliche Welt zu versetzen, in der er spärlich bewaffnet Rätsel lösen muss, in der ständigen Angst, von furchteinflößenden Monstern angegriffen zu werden, wurde in Capcoms Klassiker zumindest zur Perfektion gebracht. Dennoch gab es auch schon in den Jahren zuvor Vertreter, die man durchaus zu diesem Segment zählen kann, sei es nun „Project Firestart“ (1989, C64) oder „Alone in the Dark“ (1992, MS-DOS). Ebenfalls zu diesen Frühwerken zählen kann man jedoch auch „Clock Tower – The First Fear“, so der volle Titel des ausschließlich in Japan erschienenen Spiels der Firma Human Entertainment.

Worum geht es? Das Waisenmädchen Jennifer wird mit ihren drei Freundinnen vom Ehepaar Simon und Mary Barrows adoptiert. Kaum sind die Heranwachsenden im neuen Zuhause angekommen, verschwindet ihre neue Mutter auch schon spurlos. Als Jennifer nach ihr sehen will, hört sie Schreie aus dem Foyer des alten Herrenhauses. Nun sind auch die anderen Mädchen wie vom Erdboden verschluckt. Dafür taucht ein deformierter kleiner Junge mit einer riesigen Schere auf und macht Jagd auf Jennifer. Das Ziel des Spiels ist es nun, herauszufinden, was passiert ist und lebend aus dem Haus zu entkommen. Doch das ist leichter gesagt als getan: Immer wieder erscheint plötzlich der „Scissor Man“ und zwingt Jennifer, sich dann schnell ein Versteck zu suchen oder ihm auf andere Weise auszuweichen . Sollte ihr das nicht gelingen, so kann sie versuchen, ihn abzuwehren. Durch mehrmaliges Betätigen des sogenannten „Panic-Button“ mag dies vielleicht auch gelingen. Falls nicht, dann heißt es: Game Over…

Diese ständige Bedrohung sorgt für ein nicht zu unterschätzendes Stresspotential beim Spieler. Zusammen mit der düsteren Grafik und der bedrohlichen Geräuschkulisse wird so eine Atmosphäre erzeugt, welche wahrhaftig der eines Survival-Horror-Spiels würdig ist. Der Bezug zu Dario Argentos Arbeiten, allen voran „Phenomena“, ist dabei allgegenwärtig. Angefangen beim Aussehen der Protagonistin, welche dem Antlitz der Hauptdarstellerin Jennifer Connelly nachempfunden ist, über die schaurige Stimmung bis hin zum entstellten Kind welches sich als psychopathischer Mörder entpuppt. Hifumi Kono, der Mastermind hinter „Clock Tower“, bestätigte dies auch in einem Interview:

„Das Spiel ist als eine Hommage an die Filme von Argento gedacht, da ich ein großer Fan von ihm bin.“

Zudem diente das bereits erwähnte „Alone in the Dark“ als Inspirationsquelle. Für den einen oder anderen mag die innerhalb der Lebensspanne des SNES sehr späte Veröffentlichung vielleicht seltsam anmuten. Das Spiel war jedoch für den Hersteller, welcher bis dahin vor allem im Sektor der Sportspiele tätig war, durchaus ein Risiko. Eines, dass mit einer teuren 3D-Engine auf einem 32-Bit-System jedoch noch um einiges größer gewesen wäre.

Je nachdem, wie sich der Spieler in einigen Situationen entscheidet und verhält, sind übrigens bis zu zehn verschiedene Enden möglich. Zum weiteren Verlauf der Handlung soll jedoch an dieser Stelle nicht allzu viel verraten werden, um potentiellen Neueinsteigern die Spannung nicht zu nehmen. Aus heutigen Gesichtspunkten mag „Clock Tower“ einige Schwächen im Bezug auf Gameplay oder Grafik haben. Jedoch wird beim Spielen eine eigenartige Stimmung erzeugt, welche fast einer Sogwirkung gleich kommt. Auch hier findet sich eine Parallele zu Argentos Filmen. Obwohl viele der Rätsel sich nur auf „finde Schlüssel X und öffne damit Tür Y“ beschränken, macht es doch großen Spaß, das alte Herrenhaus mit seinen zahlreichen kleinen und liebevoll platzierten Details zu erkunden, und schlussendlich das Geheimnis hinter allem zu lüften.

Trotz seiner ausschließlichen Veröffentlichung in Japan entwickelte sich „Clock Tower“ zu einem beachtlichen Erfolg, was die Macher dazu veranlasste, eine überarbeitete Version unter dem Namen „Clock Tower – The First Fear“ für PlayStation, PC und WonderSwan herauszubringen. Letztere kommt zwar, aufgrund der Hardware-Vorgaben von Bandais Handheld, nur in schwarz/weiß daher, weiß jedoch auf der technischen Seite durchaus zu beeindrucken. Mittlerweile existieren übrigens auch von Fans angefertigte inoffizielle Übersetzungen ins Englische, so dass auch Gamer in de Genuss des Spiels kommen, welche der japanischen Sprache nicht mächtig sind.

Jennifer (Clock Tower) & Jennifer Connelly

Natürlich ließ auch eine echte Fortsetzung nicht allzu lange auf sich warten. Diese wurde 1996 in Japan unter dem Namen „Clock Tower 2“ veröffentlicht und erschien nur für die PlayStation. Der Rest der Welt kam nun auch endlich in den Genuss des Spiels, hier jedoch in Ermangelung des Vorgängers unter dem Namen „Clock Tower“. Erneut ist Jennifer Simpson die Heldin, die sich wieder der Verfolgung durch einen „Scissor-Man“ ausgesetzt sieht. War der Vorgänger noch ein klassisches 2D-Adventure, so bewegt man sich nun erstmals im dreidimensionalen Raum. Ansonsten hat sich jedoch in puncto Spielprinzip nicht viel geändert. Dieser Teil ist der letzte der Reihe, für den Hifumi Kono verantwortlich zeichnet. Von Kritikern wurde zwar das gute Ambiente gelobt, das Spiel an sich jedoch eher als mittelmäßig angesehen.

Dennoch kam es im Jahr 1998 auf der PlayStation zu einer weiteren Fortsetzung: „Clock Tower II – The struggle within“, welche in Japan als „Clock Tower Ghost Head“ veröffentlicht wurde. Die Geschichte fokussiert sich dieses Mal auf die junge Alyssa, welche unter einer gespaltenen Persönlichkeit leidet und das Geheimnis ihrer Familie aufklären muss. Wieder bewegt man sich nach dem Point-and-Click-Prinzip in einer 3D-Umgebung, wieder hagelte es gerade deshalb schlechte Kritiken. Zu sehr stachen direkte Konkurrenten wie „Resident Evil“ durch ihre vergleichsweise große Bewegungsfreiheit und überzeugendere Grafikengine hervor.

Bei „Clock Tower 3“ wollte man daher alles besser machen. Es erschien 2002 für die PlayStation 2 und wurde von Capcom und Sunsoft mitentwickelt. Die Handlung hat nur wenig mit den bisher erschienenen Teilen zu tun. Zwar heißt die Heldin erneut Alyssa, es handelt sich jedoch um eine andere Person. Das Mädchen entstammt einer langen Linie von weiblichen Kriegern, deren Aufgabe es ist, böse Geister in verschiedenen Zeitepochen zu besiegen. So hanebüchen, wie die Story klingt, so schlecht ist das Spiel dann auch. Zwar hat man ähnlich wie bei der Konkurrenz erstmals direkte Kontrolle über die Spielfigur, aber das langweilige Gameplay und die insgesamt zu kurze Spielzeit sorgten dafür, dass dieser dritte Teil sich mehr als schlecht verkaufte – und damit auch der bisher letzte erschienene der Reihe ist.

Ein später indirekter Nachfolger erschien anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums des ersten Spiels: „NightCry“ wurde im März 2016 veröffentlicht. Hierzu hat sich Hifumi Kono mit Regisseur Takashi Shimizu („The Grudge“) zusammengetan, um via Crowdfunding ein Projekt auf die Beine zu stellen, welches den Geist des Originals atmet. Erneut gibt es eine weibliche Hauptfigur, die an Bord eines Kreuzfahrtschiffs eine Reihe von Morden aufklären muss, welche anscheinend von einer mit einer Schere bewaffneten Kreatur begangen werden. Die Kritiken zum Spiel fielen gemischt aus: Während Atmosphäre und Story Anerkennung ernteten, gab es negatives Feedback im Bezug auf die Steuerung und die Grafik.

Von der gesamten Serie bleibt so vor allem der Erstling in Erinnerung. Zum einen, weil es sich in der Tat um einen „Spiel gewordenen“ Giallo handelt. Zum anderen, weil sich das Spiel als Grafikadventure auf dem Super NES relativ allein auf weiter Flur befindet. Falls also jemand einmal auf eine gebrauchte Version zu einem vernünftigen Preis stößt und sich auch nur ansatzweise für das Genre des Survival Horrors interessiert, so sollte er zugreifen.

Über Steffen Anton

Schreibt für die awesome Return und ist wohl das einzige Barney Stinson Double in Deutschland. Befüllt nun langsam seinen Retrochannel Nerdstuff & Nostalgia und hat ein sexy Monkey Island Tattoo.

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