Lange bevor Disneys „Fluch der Karibik“ den allgemeinen Hype um das Thema Piraten und Seeräuber angefacht hat, gab es Anfang der neunziger Jahre ein Computerspiel, zu dem eine ganze Generation heute noch wehmütig zurückblickt: Ron Gilbert’s „The Secret of Monkey Island“. Es war die Pionierzeit der Grafikadventures. Lucasfilm Games hatte einige Jahre zuvor mit „Maniac Mansion“ den Vorreiter einer ganzen Welle von witzigen Abenteuerspielen auf den Markt gebracht, die vor kreativen Einfällen nur so sprühten. Und eines davon handelte von einem jungen Piratenanwärter, der von einer absurden Situation in die nächste stolperte, sich unsterblich verliebte, und es mit einem gefährlichen Geisterpiraten namens LeChuck zu tun bekam. Der Name des Mannes: Guybrush Threepwood. Inspiriert wurde Ron Gilbert seinerzeit von zwei Quellen: Zum einen von einem Roman eines Autors namens Tim Powers, „Fremdere Gezeiten“, Zum anderen von Disneys Themenpark „Pirates of the Carribean“. Und hier schließt sich auch der Kreis zu „Fluch der Karibik“ wieder — basiert die Filmreihe doch ebenfalls auf dieser Attraktion.

Dass ich meines Zeichens überzeugter Nostalgiker und Retrogamer bin, wissen vielleicht einige. Dass ich jedoch seit Anfang der neunziger Jahre das Spiel „Monkey ungefähr einmal pro Jahr durchspiele, und quasi alle Dialoge mitsprechen kann, das wissen wohl die wenigsten. Es geht einfach nichts über die gute alte VGA Grafik, die zahlreichen Gags und Anspielungen, und nicht zuletzt die Atmosphäre, welche vor allem beim nächtlichen Durchstreifen der Insel Meleé Island verbreitet wird.

Das Spiel wurde übrigens vor einigen Jahren einem Remake, inklusive besserer Grafik und Sprachausgabe bedacht. Dieses ist zwar gut gemeint, aber doch einfach nicht das gleiche. Nach dieser langen Vorrede könnt Ihr Euch sicher denken, wie meine Reaktion war, als ich vom Theaterprojekt „Monkey Island — Ich will Pirat werden“ erfahren habe. „Ich muss da hin, egal wo es stattfindet, egal was es kostet!“ Regisseur Martin Kreusch aus Halle hat sich dieser schier unlösbaren Aufgabe angenommen, und hat dabei den Weg des Crowdfunding gewählt, um das ganze auf die Beine zu stellen.

Ein kurzer Trailer im Internet mit der vertrauten Titelmelodie, auf einem Klavier gespielt, hat mich dann vollends überzeugt, sofort zuzuschlagen. Für den Preis von 40 EUR würde ich als Dankeschön sogar einen Platz in der ersten Reihe bekommen. Nachdem einige Zeit des Bangens vergangen war, in der ich inständig hoffte, dass der benötigte Gesamtbetrag zustande kommen würde, war es dann soweit: ich hatte meine Karten im Briefkasten.

Und gestern, an Halloween, als viele meiner Freunde sich als Zombies geschminkt auf einer der zahlreichen Partys vergnügt haben, hatte ich stattdessen mein lange erwartetes Date mit Mr. Threepwood, Stan, Otis und allen anderen von mir heißgeliebten Figuren.

Im kleinen, aber feinen Theater „Kulturreederei“ in Halle war schon der Eingangsbereich liebevoll im Piratenstil dekoriert. An der „Scumm Bar“ konnte sich der durstige Gast mit Getränken versorgen. Von einem pöbelnden Freibeuter wurden dann unsere Karten kontrolliert, und wir durften unsere Plätze in der ersten Reihe einnehmen. Als ich das Bühnenbild sah, bekam ich eine Gänsehaut. Da stand der alte Mann vom Ausguck im authentischen Kostüm, der Hintergrund war mit einem Sternenhimmel versehen.

Liebevolle Details ergänzten die Kulisse, und ich befand mich auf einmal nicht mehr in Halle im Theater, sondern in der Karibik, beziehungsweise in einem Computerspiel, Auf der linken Seite war ein Arrangement aus mehreren Kisten oder Boxen, welche aufeinander gestapelt und offensichtlich zusammengeklebt waren. Was konnte das sein? Doch dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Es handelte sich um die Inszenierung eines Grafikadventures. Das Inventar natürlich! Und bald darauf wurde dies auch bestätigt. Jeder Gegenstand. den Guybrush im Verlauf der Handlung bekommt, wird hier abgelegt.

Apropos Guybrush: trotz anfänglicher Bedenken meinerseits — ist er doch wesentlich älter als der von ihm gespielte Pirat – machte Hauptdarsteller Martin Sommer seine Sache hervorragend. Auch wenn ich seine Frisur nach wie vor für etwas übertrieben und seltsam halte. Das gesamte Ensemble kann hier übrigens gelobt werden. Manche Darsteller haben sogar gleich mehrere Rollen übernommen, und trotzdem alle Rollen überzeugend und glaubwürdig zum Leben erweckt Besondere Erwähnung verdient auch das Bühnenbild. Jeder wichtige Ort der Story wurde absolut detailverliebt zum Leben erweckt, und die Problematik der wechselnden Locations wurden mit Hilfe der drehbaren Bühne und vieler fleißiger Helfer optimal gelöst. In Verbindung mit der tollen Pianobegleitung von Markus Liebscher entstand so die wirklich perfekte Illusion. Lediglich die Titelmusik wurde für meinen Geschmack etwas zu schnell gespielt Doch das ist wirklich nur „Jammern auf hohem Niveau“, und stört nicht den insgesamt perfekten Gesamteindruck. Es sind die vielen kleinen Details, die einem immer wieder ins Auge fallen, die Aha-Effekte, und die Insidergags, die nur absoluten Freaks wie mir auffallen.

Man merkt in jeder Minute, dass der Regisseur selbst ein großer Fan des Spiels ist, und nun mit dieser Inszenierung den vielen anderen Fans ein Geschenk machen wollte. Und dies ist auf ganzer Linie gelungen.

 

Schreibt für die awesome Return und ist wohl das einzige Barney Stinson Double in Deutschland. Befüllt nun langsam seinen Retrochannel Nerdstuff & Nostalgia und hat ein sexy Monkey Island Tattoo.

One comment

  1. Wenn es Verfilmungen von Spielen gibt, wieso dann nicht auch Theaterstücke. Finde ich auf jeden Fall eine tolle Idee. Ich mag zwar Monkey Island, würde mir aber vermutlich keine 40 Euro entlocken lassen. Wie wäre es denn mit einem Stück über….Biing 😉

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