Hey, noch ein “Retro”-Mini-Gadget, über das im Internet berichtet wird. Und dabei handelt es sich nicht einmal um ein Gerät eines renommierten Herstellers (hör ich da jemanden Nintendo rufen?), sondern um einen China-Klon des NES respektive Famicom mit allerlei Spielen drauf, das Design ist dabei an einen kleinen Game Boy angelehnt.. Oh wait, ein China-Klon? Von den Dingern gibt’s doch schon ungefähr 278 Millionen Stück bei eBay, Aliexpress und wie sie alle heißen. Was kann da schon so toll am 278 Millionen-und-ersten sein, dass es sich darüber zu erzählen lohnt? Nun, das werden wir schon noch herausfinden.

Aufmerksam wurde ich auf das Gerät, da mir in letzter Zeit immer mehr YouTube-Videos von allerlei Retrokram (Pun intended!) vorgeschlagen wird. So bin ich auf dieses Video gestoßen, in dem genanntes Teil vorgestellt wird. Normalerweise fällt sowas bei mir in die Kategorie: “Ah, cool, schauste dir mal an…aaaand it’s gone”, aber ich war am Folgetag mittags unterwegs, hatte ne kurze Wartezeit und da hab ich’s mir halt fix über die Herstellerseite bestellt. Heute nach knapp zwei Wochen kam das Ding an und ich hab’s mir natürlich direkt mal angeschaut.

Verpackung und Daten

Die Verpackung ist schlicht und funktional in den Farben Gold und Purpur, für den Durchschnittsmann: ein dunkles Rot, gehalten. Ein Schelm wer da an die Famicom-Controller denkt. Rechts auf der Schachtel sind die Tasten bzw. die Ports beschrieben, links die beinhaltete Gerätefarbe, rückseitig die Specs, fertig. Hübsche Verpackung, aber nichts spezielles. A propos Specs, die will ich natürlich nicht vorenthalten:

  • Material: ABS (Acrylnitril-Butadien-Styrol, thermoplastischer Kunststoff, Plastik)

  • 2.2″ IPS Display screen

  • Maße: 9,9 x 6,8 x 1,3 cm

  • Gewicht: 200g

  • Sprachen (Menü und Spiele): English

  • 300 129 Spiele

  • TV Ausgang (Composite bzw. FBAS)

  • 500mAh Lithium Batterie

  • Batterielaufzeit: 2-3 Stunden

Haptik und Display

Bevor wir das Schmuckstück mit den (fast) profanen technischen Eigenschaften einschalten, kommen wir zur äußeren Erscheinung des Geräts. Wenn man das Gerät in der Hand hält, denkt man zunächst an eine Mischung aus Game Boy Classic (also der DMG-01) und dem Game Boy Pocket, nur eben als Mini-Me. Er wirkt trotz der kleinen Maße ein bisschen pummelig, was vor allem an dem Verhältnis von Breite zur Höhe liegt. Ich würde gerne einen fotografischen Vergleich zum Game Boy Pocket liefern, jedoch besitze ich bis dato noch keinen. Er ist jedoch in allen Belangen 1-2 cm kleiner, wobei die Bedienelemente nahezu gleich groß sind.

Größter Unterschied ist hier die Anordnung der A-B-Buttons, denn diese sind um 90 Grad gekippt, was sich schon ein wenig komisch anfühlt. Darüber befinden sich jeweils die Turbo-Buttons, wobei ich wenige Titel gespielt habe, bei dem diese nützlich sein könnten (Mega Man und Gradius fallen mir da beispielsweise ein). Als weiteres Element finden wir den “Reset”-Button, der uns ohne aus und wieder einschalten des Geräts ins Hauptmenü zurückbringt. Dieser ist zusätzlich zur geschickt gewählten Position ein wenig vertieft, sodass ein versehentliches Betätigen nahezu unmöglich scheint.

An den vom Game Boy bekannten Stellen finden sich Lautstärkeregler und Ein-Aus-Schalter, der jedoch in die “falsche” Richtung betätigt wird. Das aber nur am Rande, tut nicht weh. Der an der Unterkante angebrachte 2,5 mm Klinkenanschluss ist nicht für Kopfhörer, sondern für den Anschluss des mitgelieferten AV-Kabels vorgesehen, mit Hilfe dessen man das Gerät an den Fernseher anschließen kann. Ziemlich coole Idee, die für mich jedoch nicht allzu praktikabel ist, da wäre mir eine Möglichkeit zum Anschließen von Kopfhörern lieber gewesen. Des weiteren befindet sich an der Oberseite noch ein kleiner Slot, der nach einem MicroSD-Kartenslot aussieht, aber dazu später mehr.

Was mich hingegen überrascht hat ist der austauschbare Akku. Nicht nur, dass er überhaupt tauschbar ist, nein, es handelt sich sogar um einen Game Boy Advance SP (kompatiblen) Akku! Somit sollte hier zumindest in den nächsten Jahren kein großes Problem bestehen, Austauschteile zu besorgen. Da muss ich wirklich sagen: Hut ab, das is definitiv mitgedacht!

Sämtliche Tasten haben einen angenehmen Druckpunkt, die ein wenig steifer und “clickier” als beim Vorbild sind, sowie einen gefühlt größeren Hub besitzen. Insgesamt lassen sie sich ziemlich gut bedienen, vor allem im Vergleich zu anderen Klon-Geräten. Das Steuerkreuz könnte ein bisschen weniger schwammig und knarzig sein, aber das kann es ja bei allem, auf dem kein Originalherstellername steht…

Das Display. Jahaaa, jetzt wird’s spannend, denn hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Während bei den meisten günstigen Geräten absolut grottige Displays verbaut werden, wurde hier nicht gespart, sondern ein hochwertiges IPS-Display verbaut. Dieses ist leuchtstark, kontrastreich, reaktionsschnell und ziemlich blickwinkelstabil! Es macht wirklich Spaß, damit zu spielen und es ist nicht übertrieben, dies als Highlight des Gerätes zu bezeichnen. Einen winzigen Wermutstropfen muss man jedoch hinnehmen: Das Display ist mit den Maßen 4,5 x 3,3 cm nahezu im Verhältnis 4:3, etwas gestreckt ist es also, jedoch nicht im “Original”-Verhältnis von 8:7. Das hätte man bei der Emulation vielleicht noch berücksichtigen können, aber das ist Meckern auf hohem Niveau.

Software

Kommen wir nun zu dem, was einen kleinen Computer ausmacht: Der Software. Ca. 1,5 s nach dem Einschalten werden wir vom spartanischen Menü begrüßt. Hier fällt mir zuerst die Überschrift auf: Während das zu anfangs genannte YouTube-Video, sowie die Herstellerseite und auch die Verpackung noch von 300 Spielen sprechen, prangt stolz der Schriftzug “129 in 1” über der Spieleliste. Naja…Die Chinesen wieder…DENKSTE! Tatsächlich lag noch ein gefalteter A5-Zettel in der Schachtel, in dem die Hersteller folgendes mitteilen:

“Dear customers,

To bring you a better gaming experience, we had upgraded the game list for this batch.

We deleted those duplicate games [kennt man ja von ähnlichen Geräten]. At the same time, adding big classical games. Because the internal memory has its limited, we should delete those ‘small’ games and put ‘big’ ones in. Thus, the current game list is ‘129 in 1’. They are all classical and ‘must-play’. Below are new added games in BittBoy. (…)”

Es wurde also eine Softwareanpassung durchgeführt und dies sogar kommuniziert. Ich bin beeindruckt!

Na jedenfalls findet man sich nun in der Spieleauswahl, die durchaus sehenswert ist, jedoch auch einige Titel vermissen lassen. So sind neben den obligatorischen Super Mario Bros 1 und 3, Tetris (2), Megaman 3 und 5 und Contra auch Perlen wie Gradius, World Cup, Teenage Mutant Ninja Turtles, Double Dragon, Chip ‘n’ Chap, Little Nemo Dreams und Bucky O’ Hare vertreten. Einige Titel die ich vermisse sind Legend Of Zelda, Donkey Kong, Metroid, Dr. Mario und Kirby’s Adventure.

An dieser Stelle ein kleiner Abstecher zur Frage, die beim Lesen der Spieleliste sicherlich den meisten unter den Fingern brennt: Kann man weitere Spiele installieren? Nein. Zumindest sieht es aktuell nicht danach aus. Der bereits genannte MicroSD-Kartenslot auf der Oberseite ist Berichten zufolge “leer”, also ohne weitere Funktion, da auf der Platine keine Anschlüsse bereitstehen. Eine eingesteckte Karte wird also im Gehäuse verschwinden und so lange herumklappern, bis man sie durch Öffnen der Gehäuserückseite entfernt. Ob die Micro-USB Ladebuchse über weitere Funktionen verfügt, ist bisher nicht bekannt. Aber hey: Das haben sie beim NES Classic Mini auch gesagt 🙂 Aus technischer Sicht halte ich es für möglich, dass da was anpassbar ist.

Zur Emulation: Diese scheint mir durchaus solide zu sein. Flüssiges Gameplay, flackern nur dort, wo ich es im Original auch erwarten würde. Den vermutlich am meisten gefürchteten Inputlag konnte ich kaum feststellen, dabei reagiere ich relativ empfindlich auf diesen. Hier läuft also alles sauber und lässt keinen Grund zur Beanstandung.

Fazit

Der Hersteller des Bittboy hat ganze Arbeit geleistet. Das Gerät mischt im Bereich der Clones ganz oben mit! Oder wie Stromberg schon sagte: “Unter den Top drei bin ich ganz weit vorne!”. Das Gerät macht nichts wirklich schlecht, aber dafür vieles besser als die Konkurrenz! Zwar ist die Spieleauswahl (bisher) nicht erweiterbar und die Bedienelemente könnten auch noch ein wenig Feintuning gebrauchen, aber dafür ist das Display absolut Bombe, die Größe und das allgemeine Design durchaus ansprechend. Natürlich lässt der Hersteller das bezahlen und verlangt für das Gerät 40 US$ inkl. Standardversand, zum Zeitpunkt meines Einkaufs 36,31 €, was deutlich über dem marktüblichen Preis für solche Clones liegt. Für das Geld bekommen die Käufer jedoch einiges geboten und somit resümiere ich: Interessierte können bedenkenlos zugreifen.

7 comments

  1. Vielen Dank für Deinen Beitrag!
    Obwohl es gefühlt Trillionen von Handheld-Clones dieser Art gibt, kann ich mich dennoch immer wieder für „neue“ Geräte aus dieser Kategorie begeistern.
    Zwei Dinge könntest Du vielleicht an Deinem Text noch ergänzen:
    – den Link zum Shop des Verkäufers.
    – den Hinweis darauf, dass das Gerät keinen Kopfhörerausgang / Headphone jack hat.
    PS: ich habe mir aufgrund Deines Artikels heute morgen zwei bestellt 😉

    1. Hi Andre!
      Freut mich, dass dir der Artikel zu gefallen scheint. Die fehlende Herstellerseite ist mir heute früh auch noch eingefallen und werde ich nachreichen, vielen Dank! Den Punkt mit der Klinkenbuchse als AV-Ausgang habe ich zwar erwähnt, dachte aber das genügt zur Erläuterung, dass man keine Kopfhörer direkt einstecken kann. Werde das aber noch mal einbauen 🙂

      Gruß, Björn

      1. Ja, wirklich ein schöner Artikel von Dir.
        Das mit dem Kophörerausgang würde ich auf jeden Fall deutlicher herausstellen. Vielleicht mit einer kleinen Pros/Cons-Liste. Für mich als Gamer-Papa ist es bsp. enorm wichtig, ob auf den Auto-Rücksitzen doppeltes Gedudel zu hören ist, oder eben nicht 😉

        1. Da dies mein erster Artikel überhaupt ist, bin ich für jedes konstruktive Feedback super dankbar! Ich hatte beim Schreiben auch die Idee einer Pro-Con-Liste, habe mich aber dann bewusst dagegen entschieden, einfach weil ich das Ganze sprachlich lösen wollte. Vielleicht füge ich noch eine hinzu, so als tl;dr. Befinden uns ja in einer schnelllebigen Gesellschaft 😉

          1. Deinen Ansatz das sprachlich zu lösen finde ich auch gut! Nur müssen wichtige Informationen dann ggf. deutlich erkennbar sein. Pros/Cons-Listen sind natürlich langweilig. Aber bei technischen Reviews oft sehr hilfreich. Insbesondere wenn der Text zu einer möglichen Kaufentscheidung führen könnte oder sollte.
            Ich freue mich sehr über Deinen ersten Artikel und würde mich ebenso freuen, wenn Du weiter schreibst und bsp. hier auf retro.wtf öfter Texte veröffentlichst.

  2. Kann man auf einem 2,2 Zoll „großen“ Display überhaupt noch alles gut erkennen? Wie ist das mit Text, ist der noch lesbar? Oder bei Shootern, sieht man die Geschoss-Sprites überhaupt noch?

    1. Also meinem mittfünfziger Vater würde ich das nicht in die Hand drücken wollen, aber ich komm damit noch ganz gut klar. Wie man auf den Screenshots eigentlich schön erkennt, ist die Schrift ziemlich scharf. Schlechte Interpolation bzw. unangenehmes Downscaling sind mir nicht aufgefallen, da habe ich schon richtig viel schlechtere Sachen gesehen. Sie ist halt nicht riesig. Geschosse sind kein Problem (ich denke gerade an meinen Gradius-Test, da sind die Laser ja teilweise echt feine Linien), da der Bildschirm auch nahezu nicht verschwimmt.

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